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Grenzen setzen: Warum Nein sagen kein Egoismus ist

  • 7. Juli
  • 8 Min. Lesezeit
Frau im schwarzen Blazer schaut mit verschränkten Armen und freundlich lächelnd selbstbewusst in die Kamera.

Du kennst diesen Moment. Jemand fragt dich etwas, und du spürst sofort: eigentlich nein. Aber dann hörst du dich sagen: „Klar, mache ich." Und kaum sind die Worte draußen, zieht sich etwas in dir zusammen.


Das ist ein untrügliches Zeichen: Gerade ist es wieder einmal passiert. Du hast dich selbst übergangen.


Grenzen setzen ist eine der meistdiskutierten Fähigkeiten in Coaching und Psychologie. Und gleichzeitig eine der am häufigsten unterschätzten. Es geht nicht ums Absagen. Es geht darum, wer du bist – und ob du das auch nach außen vertrittst.


Und es geht nicht darum, die andere Person damit abzulehnen. Es geht darum, deine eigene Zusage nicht an die falschen Gründe zu hängen. Denn deine Zusage sollte an dein inneres "Ja" geknüpft sein, und nicht an die Angst, dass andere dein "Nein" nicht akzeptieren und dich deswegen dann ablehnen werden.


Warum fällt Grenzen setzen so schwer?

All das hat im übrigen wenig mit Willensschwäche zu tun. Es hat viel mit dem zu tun, was dein Nervensystem über Jahrzehnte gelernt hat.


Wir Menschen sind soziale Wesen - das wissen wir. Was uns in diesem Zusammenhang vielleicht weniger bewusst ist: Unser Gehirn interpretiert soziale Ablehnung als ähnlich schmerzhaft wie einen körperlichen Schmerz. Dieser Zusammenhang ist neurologisch nachgewiesen.


Wer also Nein sagt und dabei riskiert, jemanden zu enttäuschen, aktiviert damit unwillentlich sein eigenes inneres Alarmsystem. Das passiert, obwohl die Situation in einem objektiven Sinne nicht gefährlich ist. Das automatische, vegetative Nervensystem reagiert damit auf eine uralte Überlebensstrategie und möchte sich deine Zugehörigkeit in der Gruppe "koste es, was es wolle" sichern.


Die Psychologin Jennifer Guttman beschreibt diesen Mechanismus in einem aktuellen

Psychology Today-Beitrag (2026) - wie ich finde - sehr treffend: Das Unbehagen beim Nein-Sagen ist kein Zeichen, dass du etwas Falsches tust – es ist ein Zeichen, dass dein Nervensystem Angst vor Ablehnung hat.

Angst ist eine Annahme, kein Beweis!

Der Fawn-Response: wenn Gefälligkeit zur Überlebensstrategie wird

In der Traumaforschung wird neben den klassischen 3 F's der Stressreaktion - Kampf (Fight), Flucht (Flight) und Erstarrung (Freeze) eine vierte Reaktion unterschieden: den sogenannten Fawn-Response – auf Deutsch grob übersetzt als „Besänftigung" oder „Ergebung". Ursprünglich von Therapeut Pete Walker beschrieben, bezeichnet der Fawn-Response ein Muster, bei dem Menschen in belastenden Situationen reflexartig auf die Bedürfnisse anderer eingehen, um Konflikte zu vermeiden und sich sicher zu fühlen.


Was in der Kindheit eine sinnvolle Strategie war – ein schwieriges Umfeld navigieren, Harmonie herstellen, um Geborgenheit zu sichern –, wird im Erwachsenenleben zur Falle. Die Person sagt automatisch Ja, auch wenn sie eigentlich Nein meint. Sie schiebt die eigenen Bedürfnisse chronisch nach hinten. Nicht aus Großzügigkeit, sondern weil Ablehnung sich bedrohlich anfühlt.


Eine aktuelle Studie im Fachjournal PsyCh Journal (Kuang et al., 2025), die über 2.200 Teilnehmende untersuchte, zeigt:

  • Chronisches People Pleasing geht signifikant mit erhöhtem Neurotizismus, emotionaler Erschöpfung und einem geschwächten Selbstwertgefühl einher.

  • Je stärker das Muster, desto stärker die Korrelation mit Angst, Einsamkeit und psychisch belastendem Stress.

Betroffene gelten nach außen hin oft als besonders hilfsbereit und kooperativ.


Was passiert, wenn du keine Grenzen setzt

Die Folgen fehlender Abgrenzung sind selten dramatisch, jedoch in Summe ist ihr Schaden dennoch beträchtlich. Menschen mit einem grundlegenden Problem, sich abzugrenzen, verspüren ein latentes und ständiges leises Unbehagen. Sie haben oft das Gefühl, dass sie zwar für alle da sein, diese aber von niemandem richtig gewürdigt wird. Und infolgedessen gehen sie unmerklich in eine Contra-Position gegen Menschen, denen sie eigentlich zugetan sind. Denn unterschwellig werfen chronische "Ja-Sager" es den anderen Menschen vor, dass sie sich nicht besser abgrenzen können.


Burnout als eines der größten Risiken

Das Universitätsklinikum Rochester beschreibt Burnout als häufige Konsequenz unzureichender Grenzen: „Wer über längere Zeit nicht in der Lage ist, eigene Grenzen zu setzen, riskiert einen Zustand permanenter Verfügbarkeit – für die Anliegen anderer, für die Anforderungen des Jobs, für gesellschaftliche Erwartungen." Auf der Strecke bleiben Erholung, Selbstfürsorge und das Gefühl, das eigene Leben zu gestalten.


Fehlende Grenzen schaden auch Beziehungen – paradoxerweise genau jenen, die du durch dein Ja schützen wolltest. Wer immer Ja sagt, akkumuliert über Zeit Frust und Groll. Irgendwann lädt sich das an der falschen Stelle entladen – oder zieht sich innerlich zurück. Klare Grenzen sind damit nicht das Ende von Beziehungen. Sie sind ihr Fundament.


Grenzen, Identität und Selbstwert

Der Entwicklungspsychologe Alexander Grob von der Universität Basel formuliert es präzise: „Grenzen setzen bedeutet zu signalisieren: Bis hierher und nicht weiter. Dann beginnt mein höchst eigener Bereich, in dem ich Chef oder Chefin bin. Wenn eine Person diese Grenzen nicht setzt oder nicht setzen kann, besteht die Gefahr, dass sie überrannt, nicht gehört und zum Spielball anderer wird."


Grenzen sind damit keine Abwehrmauern. Sie sind Ausdruck von Identität. Wer weiß, was er braucht und bereit ist, das auch zu benennen, kommuniziert damit:

  • Ich existiere.

  • Ich habe Bedürfnisse.

  • Ich bin nicht unbegrenzt verfügbar.


Eine Meta-Analyse (Zell & Johansson, 2024), die Daten aus über 40 Einzelstudien mit mehr als einer Million Teilnehmenden auswertete, belegt, dass Selbstwert einer der robustesten Prädiktoren für psychische Gesundheit ist – mit einem Korrelationswert von r = .42 für mentale Gesundheit.


Grenzen setzen und Selbstwert bedingen sich gegenseitig

Wer sich Grenzen erlaubt, stärkt sein Selbstwertgefühl. Und wer ein stabiles Selbstwertgefühl entwickelt, kann Grenzen leichter vertreten.


Assertivität: Auf "gute" Art Nein sagen

Ein Begriff, der im deutschsprachigen Raum wenig Aufmerksamkeit bekommt, obwohl er zentral ist Assertivität. Damit gemeint ist die Fähigkeit, die eigenen Bedürfnisse, Grenzen und Meinungen klar und respektvoll zu vertreten. Und zwar sowohl ohne Aggression als auch ohne Selbstaufopferung.


Die vier Dimensionen von Assertivität, dem ausbalancierten Grenzen setzen

Yoshinaga und Cooper (2025) stellen in einem Beitrag in Frontiers in Psychology ein erweitertes Rahmenmodell vor, welches Assertivität in vier Dimensionen unterteilt:


  1. Soziale Assertivität: Klar aussprechen, was man braucht oder nicht möchte

  2. Verhaltensassertivität: Handeln, auch wenn man (noch) nicht in Stimmung ist

  3. Emotionale Assertivität: Sich selbst mit Mitgefühl statt mit Selbstkritik begegnen

  4. Mentale Assertivität: Eigene Gedanken über schwierige Situationen flexibel halten


Offensichtlich ist für das Thema Grenzen setzen vor allem die erste Dimension entscheidend. Die anderen 3 Dimensionen von Assertivität tragen das Fundament jedoch mit. Denn wer mit sich selbst mitfühlend ist, statt beim Nein-Sagen mit Schuldgefühlen zu kämpfen), wer bereit ist zu handeln, auch wenn es unangenehm ist, und wer die innere Erzählung über die möglichen Konsequenzen realistisch einordnet, der setzt Grenzen nicht nur einmalig – der lebt sie auch nachhaltig und erlernt somit neue, wertvollere Muster.


Empirisch ist diese Wirkung auch vielfach belegt: So zeigen Meta-Analysen zum Assertivitätstraining (Speed et al., 2018, zitiert bei Yoshinaga & Cooper, 2025) konsistent, dass assertives Verhalten soziale Angst und depressive Symptome reduziert und Selbstwert sowie Beziehungsqualität verbessert.


Drei Schritte, die in der Praxis funktionieren

Grenzen setzen ist eine Fähigkeit, die sich wie alle Fähigkeit einüben lässt, auch wenn sich dies zu Beginn gewöhnungsbedürftig anfühlen dürfte.


1. Innehalten statt automatisch reagieren

Bevor du die nächste Anfrage beantwortest: eine kurze Pause. Frag dich ehrlich: Will ich das wirklich? Habe ich die Kapazität dafür? Welche Konsequenz hat ein Ja – für mich, für meine Zeit, für meine Energie?


Das mag recht simpel klingen, ist es jedoch nicht, wenn dein Nervensystem bislang so gebrieft wurde, immer sofort und womöglich besonders schnell zu antworten. Durch die bewusste Pause wird dieser Automatismus unterbrochen. Auch verschaffst du dir mit einer Pause den erforderlichen Raum für eine bewusste Entscheidung, anstatt dass du routinegemäß mit einem "Okay, mache ich" oder "Ist mir egal" reagierst.


2. Klar sein – ohne dich zu rechtfertigen

Wenn du eine Grenze kommunizierst: Tue es eindeutig. „Ich kann das nicht übernehmen" ist ein vollständiger Satz. Du brauchst keine Liste von Begründungen. Erklärungen laden zur Debatte ein – und zur Überzeugung, warum die Begründung doch nicht gilt.


Das bedeutet nicht Kälte oder Gleichgültigkeit. Du kannst mitfühlend und freundlich sein und gleichzeitig klar. „Ich kann nicht einspringen – aber ich hoffe, du findest jemanden" ist warm und direkt zugleich. Dies meine ich mit dem Zusatz "mit Sanftmut und Stärke".


3. Mit dem Unbehagen sitzen bleiben

Das Schuldgefühl nach einem Nein ist völlig normal. Es bedeutet nicht, dass du falsch gehandelt hast. Es bedeutet, dass dein Nervensystem ein ungewohntes Signal verarbeitet und du ansonsten - siehe oben - ein soziales Wesen bist, dem der Gruppenbezug natürlich wichtig ist. Es ist aber nicht das einzig wichtige - auch du selbst bist wichtig!


Die oben zitierte Psychologin Guttman empfiehlt, die tatsächlichen Auswirkungen bewusst zu beobachten: Ist die Beziehung zerbrochen? Hat sich die Person anders verhalten? In den allermeisten Fällen lautet die Antwort nämlich: Nein. Diese Beobachtungen werden zu einer Art Gegenbeweis gegen die Angsterzählung im Kopf.

Mit der Zeit lernt dein Nervensystem: Dein Nein ist purer Selbstrespekt.

Was das in deiner Praxis bedeutet

Grenzen setzen ist keine einmalige Entscheidung. Es ist eine Haltung, die du entwickelst. Nicht durch einen einzigen Moment der Klarheit, sondern durch viele kleine, unspektakuläre Entscheidungen: die Pause, das ehrliche Nein, das Aushalten des Unwohlseins.


Das Nervensystem braucht Zeit, um ein neues Muster zu etablieren. Aber es lernt. Und mit jeder Erfahrung, dass ein Nein die Beziehung nicht zerstört hat, dass du dich danach besser gefühlt hast als erwartet, wird das neue Muster stabiler.


Grenzen sind kein Zeichen von Kälte. Sie sind ein Zeichen, dass du weißt, wer du bist – und dass du bereit bist, das auch nach außen zu vertreten.


Wenn dich das Thema vertieft interessiert: In meinen beiden Workbooks findest du Reflexionsfragen, die dich durch den Prozess führen. Hier kommst du zum kostenfreien Download.


Wenn du merkst, dass du endlich das Thema "Grenzen setzen" für dich individuell und grundlegend angehen möchtest - egal ob im privaten und /oder beruflichen Kontext -, dann schreib mir gerne: info@verena-stahl.ch. Ich begleite dich im Coaching dabei, deine Grenzen nachhaltig klar so zu vertreten, dass du mit dir selbst und mit den anderen Menschen in eine gute Verbindung trittst.


In meinem wöchentlichen People-Pleasing-adé-Newsletter bekommst du zusätzlich kurze Audio-Impulse und Denkmodelle für Selbstführung mit Klarheit und Sanftmut.

Es geht nicht darum, perfekt zu funktionieren. Es geht darum, von innen nach außen stimmig zu handeln.


Herzlichst, Verena Stahl

Häufige Fragen zum Thema Grenzen setzen


Ist Grenzen setzen nicht egoistisch?

Nein. Egoismus bedeutet, die eigenen Bedürfnisse auf Kosten anderer durchzusetzen. Grenzen setzen bedeutet, für die eigenen Bedürfnisse einzustehen – das ist etwas grundlegend anderes. Wer ausgebrannt ist, wer innerlich grollt, wer sich dauerhaft überfordert fühlt, ist langfristig keine Ressource für andere. Klarheit über die eigenen Kapazitäten schützt nicht nur dich – sie macht echte Unterstützung erst möglich.


Was, wenn die andere Person negativ reagiert?

Das kann passieren. Manche Menschen sind es gewohnt, dass du immer Ja sagst – eine Änderung dieses Musters kann vorübergehend zu Irritation führen. Das ist keine Bestätigung, dass du falsch liegst. Es ist ein Zeichen, dass sich eine Dynamik verändert. Beziehungen, die nur unter der Bedingung grenzenloser Verfügbarkeit funktionieren, sind keine tragfähigen Beziehungen.


Wie fange ich an, wenn ich es nicht gewohnt bin?

Beginne klein. Nicht mit dem schwierigsten Gespräch, das du seit Jahren vor dir herschiebst. Sondern mit einer alltäglichen Situation, in der du merkst: Ich sage gerade Ja, obwohl ich Nein meine. Übe die Pause. Übe die kurze, klare Antwort. Jedes Mal, wenn du das tust, trainierst du ein neues Muster.


Was hat Grenzen setzen mit Selbstwert zu tun?

Sehr viel. Wer sich selbst als wertvoll genug erlebt, um Bedürfnisse zu haben, kann sie auch vertreten. Umgekehrt gilt: Wer beginnt, Grenzen zu setzen, macht die Erfahrung, dass er trotzdem gemocht wird, dass Beziehungen bestehen bleiben – und das stärkt das Selbstwertgefühl. Beide Bewegungen verstärken sich.


Grenzen setzen im Beruf – geht das überhaupt?

Ja, und es ist notwendig. Workplace-Forschung zeigt konsistent, dass klare Grenzen zwischen Arbeitszeit und Privatleben Burnout reduzieren, Konzentration verbessern und die Qualität der Arbeit erhöhen. Das ist kein Luxus – es ist ein Faktor für nachhaltige Leistungsfähigkeit.



Quellenangaben:

Guttman, J. (2026). Why Setting Boundaries Triggers Guilt and Anxiety. Psychology Today. https://www.psychologytoday.com/us/blog/sustainable-life-satisfaction/202603/why-setting-boundaries-triggers-guilt-and-anxiety


Kuang, X., Li, H., Luo, W., Zhu, J., & Ren, F. (2025). The Mental Health Implications of People‐Pleasing. PsyCh Journal. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12318589/


Yoshinaga, N., & Cooper, S. (2025). The four pathways of assertiveness: a multidimensional framework. Frontiers in Psychology. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12379063/


Zell, E., & Johansson, J. (2024). The Association of Self-Esteem With Health and Well-Being: A Quantitative Synthesis of 40 Meta-Analyses. Personality and Social Psychology Bulletin. https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/19485506241229308


Grob, A. (o.J.). Bis hierher und nicht weiter. Uni Nova – Universität Basel. https://www.unibas.ch/de/Aktuell/Uni-Nova/Uni-Nova-142/Uni-Nova-142-Bis-hierher-und-nicht-weiter.html


Walker, P. (2013). Complex PTSD: From Surviving to Thriving. (Fawn-Response-Konzept)


 
 
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