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Hochstapler-Syndrom: Wenn du als Führungskraft glaubst, nicht wirklich dazuzugehören

  • vor 20 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Eine Frau hört einem Gespräch zwischen zwei anderen Frauen zu

Du hast die neue Rolle bekommen. Die Beförderung war verdient, deine Vorgesetzten sind überzeugt von dir – und trotzdem läuft in deinem Kopf eine leise Stimme: Wann merken die anderen, dass ich eigentlich keine Ahnung habe? Dieses Gefühl hat einen Namen: Hochstapler-Syndrom – auch Impostor-Syndrom genannt. Und wenn du es kennst, bist du in sehr guter Gesellschaft.


Was das Hochstapler-Syndrom wirklich bedeutet

Das Konzept wurde 1978 von den Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes beschrieben – ursprünglich anhand von Frauen in akademischen Berufen. Die Kernidee: Betroffene schreiben ihren Erfolg nicht den eigenen Fähigkeiten zu, sondern Glück, Zufall oder dem Umstand, dass sie andere irgendwie getäuscht haben. Dabei stimmt die Außenwahrnehmung oft nicht mit dem überein, was sie innerlich fühlen.


Was lange als Frauenproblem galt, ist längst breiter dokumentiert. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2025 in BMC Psychology ermittelt unter Beschäftigten im Gesundheitswesen eine Prävalenz von rund 62 Prozent – und zeigt, dass das Phänomen mit Burnout, Angst und niedrigem Selbstwert korreliert.


Und es betrifft ausdrücklich auch Führungsetagen: Eine Umfrage unter 500 britischen Business Leadern (2024) ergab, dass 78 Prozent das Impostor-Phänomen mindestens einmal in ihrer Karriere erlebt haben – 47 Prozent sogar aktuell. Beide Zahlen stammen aus unterschiedlichen Kontexten und sind nicht eins zu eins auf alle Berufsgruppen übertragbar.


Die Richtung ist eindeutig: Das ist kein Nischenphänomen.

Warum der Übergang in die Führungsrolle so ein fruchtbarer Boden ist

Der Selbstzweifel bei Führungskräften entsteht nicht im luftleeren Raum. Gerade der Schritt in eine erste Führungsposition ist ein echter Statusübergang. Du warst Expertin in deinem Bereich – und bist jetzt plötzlich für Menschen verantwortlich, die du nicht kontrollieren kannst, in einem System, das niemand dir vorher vollständig erklärt hat.


Das ist objektiv neu und ungewohnt. Und ungewohnte Situationen erzeugen Unsicherheit. Das Problem entsteht nicht durch die Unsicherheit selbst, sondern durch die Interpretation: Ich fühle mich unsicher, also bin ich ungeeignet. Diese Gleichung stimmt nicht – aber sie fühlt sich überzeugend an.


Die Falle des Vergleichens

Hinzu kommt, dass viele junge Führungskräfte sich unbewusst an den Erfahrensten im Raum messen. Du vergleichst deine innere Welt – mit all den Zweifeln, dem Nicht-Wissen, dem Tastenden – mit der Außenwirkung anderer. Du siehst bei Kolleginnen und Kollegen nur das, was sie zeigen: Sicherheit, Überblick, Souveränität. Was du nicht siehst: dass es ihnen innerlich oft ähnlich geht.


Wenn Perfektionismus und Führungsangst sich verbünden

Das Hochstapler-Syndrom geht häufig mit Perfektionismus einher. Wer glaubt, eigentlich nicht gut genug zu sein, versucht dieses vermeintliche Defizit durch Überarbeitung zu kompensieren. Mehr vorbereiten. Mehr kontrollieren. Mehr leisten. Das kann kurzfristig funktionieren – führt aber langfristig zu Erschöpfung und bestätigt den Glaubenssatz: Ich kann nur bestehen, wenn ich mich mehr anstrenge als alle anderen. Eine Führungsangst, die sich still in den Alltag eingräbt.


Kennst du das Muster? Fragst du dich manchmal, ob deine Anstrengung wirklich aus Antrieb kommt – oder aus Angst, aufzufliegen?


Ein konkretes Beispiel aus der Praxis

Sarah – Name geändert – wurde mit 31 Jahren Teamleiterin in einem mittelständischen Unternehmen. Fachlich hatte sie sich über Jahre bewiesen, ihr Wissen war unbestritten. Als Führungskraft aber begann sie, jede Entscheidung dreifach zu prüfen, bevor sie sie kommunizierte. Sie saß abends länger im Büro als nötig – nicht weil die Arbeit es verlangte, sondern weil sie das Gefühl hatte, sich den Job täglich neu verdienen zu müssen.


Im Coaching stellte sich heraus: Sarah hatte ein klares Bild davon, was eine "gute Führungskraft" ist – und dieses Bild hatte wenig mit ihr zu tun. Es war ein Konstrukt aus fremden Erwartungen, beobachteten Vorbildern und einem Idealbild, das niemand erfüllen kann. Der erste Schritt war nicht, an ihrer Kompetenz zu arbeiten. Er war, dieses Bild zu dekonstruieren.


Was hilft – und was nicht

Viele Ratschläge zum Umgang mit dem Hochstapler-Syndrom klingen gut, aber greifen zu kurz. "Glaub einfach an dich" oder "Visualisiere deinen Erfolg" adressiert nicht das, was wirklich passiert. Das Impostor-Phänomen ist kein Denkmangel, der sich durch positive Affirmationen beheben lässt.


Erfolge aktiv erfassen – nicht nur fühlen

Was tatsächlich hilft, ist konkret: Halte fest, was du geleistet hast. Nicht als Selbstbeweihräucherung, sondern als Datenerhebung. Was hat dein Team in den letzten drei Monaten erreicht? Was habe ich entschieden, das sich im Nachhinein als richtig erwiesen hat? Was hat mir jemand direkt zurückgemeldet?


Das Hochstapler-Gehirn ist sehr gut darin, positive Evidenz zu ignorieren und negative zu speichern. Ein konkretes Erfolgsprotokoll – auch wenn es sich anfangs merkwürdig anfühlt – arbeitet gegen diesen Bias.


Unsicherheit als Kompetenz neu einordnen

Führung bedeutet nicht, immer die Antwort zu haben. Es bedeutet, im Nicht-Wissen handlungsfähig zu bleiben. Wer das schafft, zeigt keine Schwäche – sondern genau das, was Führung in komplexen Systemen erfordert.


Nicht zu wissen, wie etwas läuft, und es trotzdem anzugehen – das ist kein Zeichen von Inkompetenz. Es ist der normale Zustand jedes Menschen, der etwas Neues übernimmt. Der Unterschied zwischen denen, die daran wachsen, und denen, die daran leiden, liegt oft darin, wie sie das Nicht-Wissen interpretieren.


Was du konkret tun kannst

  • Sprich es aus. Mit einer Mentorin, einem Coach oder einer vertrauten Person im Arbeitsumfeld. Das Hochstapler-Syndrom gedeiht im Schweigen. Wenn du merkst, dass andere ähnliches kennen, verliert es einen großen Teil seiner Macht.


  • Trenne Gefühl von Fakt. "Ich fühle mich wie ein Hochstapler" ist eine Wahrnehmung, keine Realität. Frag dich: Was sind die objektiven Belege für meine Eignung – und was sind Interpretationen?


  • Hol dir externe Perspektive. Coaching ist kein Zeichen von Schwäche – es ist eine der effektivsten Methoden, um Denkmuster zu durchbrechen, die sich alleine kaum erkennen lassen. Du musst das nicht alleine durcharbeiten.


Selbstzweifel in der Führungsrolle sind weiter verbreitet, als die meisten von uns ahnen. Wie oft denken wir: Die anderen haben alles im Griff – nur ich kämpfe mit diesen Themen. Das ist fast nie der Fall. Wenn du also merkst, dass dein innerer Kritiker lauter ist, als er sein müsste, und du das konkret angehen möchtest: Ich arbeite als Executive Coach mit Fach- und Führungskräften, die genau an diesem Punkt stehen.


Schreib mir direkt eine E-Mail an info@verena-stahl.ch. Wir schauen gemeinsam, was sinnvoll ist.


Im People-Pleasing-adé-Newsletter bekommst du zusätzlich kurze Audio-Impulse und Denkmodelle für Selbstführung mit Klarheit und Sanftmut.

Es geht nicht darum, perfekt zu funktionieren. Es geht darum, von innen nach außen stimmig zu handeln.


Herzlichst, Verena Stahl

Quellen:

  • Salari, N., Hashemian, S. H., Hosseinian-Far, A. et al. (2025). Global prevalence of imposter syndrome in health service providers: a systematic review and meta-analysis. BMC Psychology, 13:571.

  • Umfrage unter 500 britischen Business Leadern (2024), berichtet u. a. über NerdWallet UK / Business Info Magazine.


Häufige Fragen zum Hochstapler-Syndrom


Ist das Hochstapler-Syndrom eine psychische Erkrankung?

Nein. Das Impostor-Syndrom ist keine klinische Diagnose und kein Krankheitsbild im psychiatrischen Sinne. Es ist ein psychologisches Phänomen, das viele leistungsstarke Menschen betrifft. Wenn es aber mit starker Angst, Burnout oder Depression einhergeht, ist professionelle Unterstützung sinnvoll.


Betrifft das Hochstapler-Syndrom vor allem Frauen?

Das war lange die Annahme. Aktuelle Forschung zeigt: Männer sind ähnlich häufig betroffen, sprechen aber seltener darüber. Kulturelle Erwartungen an Männlichkeit machen es schwerer, Zweifel offen zu benennen. Das Phänomen ist geschlechtsübergreifend – die Sichtbarkeit ist es nicht.


Kann man das Hochstapler-Syndrom "loswerden"?

Nicht unbedingt vollständig – aber du kannst lernen, es zu erkennen und anders damit umzugehen. Viele erfolgreiche Führungskräfte berichten, dass sie die Zweifel nie ganz abgelegt haben, aber gelernt haben, ihnen weniger Gewicht zu geben. Das ist kein Versagen – das ist Realismus.


Wann sollte ich mir professionelle Hilfe suchen?

Wenn das Gefühl, nicht gut genug zu sein, deinen Alltag dominiert, du Entscheidungen dauerhaft hinauszögerst oder dich die Angst vor Entdeckung handlungsunfähig macht – dann ist es Zeit, mit jemandem zu sprechen. Das kann ein Coach, eine Therapeutin oder ein Mentor sein. Je früher, desto besser.


 
 
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