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Radikale Akzeptanz: Warum Akzeptieren stärker ist als Kämpfen

  • vor 3 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit
Eine Frau liegt mit geschlossenen Augen und ausgestreckten Armen auf dem Rücken auf einer grünen Wiese.

Du sitzt in einem Meeting. Jemand sagt etwas, das nicht stimmt, und du weißt es. Du spürst, wie sich in dir etwas anspannt – ein leises Unbehagen, vielleicht auch Ärger. Und dann beginnt die innere Verhandlung: Ist das wirklich so schlimm? Vielleicht übertreibe ich. Ich will nicht schuld sein, dass schlechte Stimmung entsteht oder das Meeting in seinem Fortgang aufgehalten wird.


Also sagst du nichts. Lächelst. Machst weiter. Wie immer.


Das ist kein Einzelfall, das ist ein Muster. Und hinter diesem Muster steckt fast immer dasselbe: der Versuch, ein unangenehmes Gefühl so schnell wie möglich loszuwerden. Fachlich nennt sich das Erlebnisvermeidung – und genau damit beschäftigt sich ein Ansatz, der in der Psychologie seit einigen Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung gewinnt: die Acceptance and Commitment Therapy, kurz ACT.


Was ACT ist – und warum es keine Beschwichtigung ist

ACT wurde Ende der 1980er-Jahre von Steven Hayes entwickelt und gilt heute als Teil der sogenannten dritten Welle der Verhaltenstherapie. Der Grundgedanke klingt einfacher, als er ist: Nicht der Versuch, unangenehme Gedanken und Gefühle zu kontrollieren oder zu vermeiden, macht uns psychisch gesund. Es ist vielmehr die Fähigkeit, ihnen Raum zu geben und trotzdem das zu tun, was uns wirklich wichtig ist.


Eine systematische Übersichtsarbeit, die Ende 2024 in den Annals of Neurosciences erschienen ist und 15 Studien ausgewertet hat, zeigt: ACT reduziert Symptombelastung konsistent, verbessert die Emotionsregulation und erhöht die psychologische Flexibilität – also genau die Fähigkeit, flexibel auf Situationen zu reagieren, anstatt in eingespielten Vermeidungsmustern stecken zu bleiben. (Quelle: PubMed/PMC, Dezember 2024)


Dahinter steckt also kein "Selbsthilfe-Optimismus", sondern robuste Forschungsergebnisse.


Radikale Akzeptanz: Das Gegenteil von Aufgeben

Einer der zentralen Begriffe in diesem Zusammenhang ist die Radikale Akzeptanz. Geprägt hat ihn vor allem Marsha Linehan, Psychologin an der University of Washington und Begründerin der Dialektischen Verhaltenstherapie – heute ist das Konzept auch integraler Bestandteil von ACT.


Radikale Akzeptanz bedeutet nicht: Das ist okay so. Es bedeutet: So ist es gerade. Kein Widerstand, kein Wegleugnen, keine innere Diskussion darüber, ob man das Gefühl "haben darf". Nur das Bewusstwerden, was gerade tatsächlich da ist.


Prof. Andrew Gloster von der Universität Luzern beschreibt es so: Wer lernt, Dinge anzunehmen, statt dagegen anzukämpfen, erlebt mehr Gelassenheit, mehr Klarheit – und verbessert seine Entscheidungsfähigkeit. Das klingt paradox, macht aber psychologisch Sinn. Solange wir Energie dafür aufwenden, etwas wegzudrücken, haben wir weniger davon übrig, um wirklich zu handeln.


Victor Frankl hat das einmal treffend formuliert: Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Freiheit. Radikale Akzeptanz schafft genau diesen Raum – indem sie das Erleben nicht bekämpft, sondern anerkennt.


Die sechs Schritte von ACT – lebendig

ACT arbeitet mit sechs miteinander verbundenen Prozessen. Das ist weniger eine Checkliste, als vielmehr eine bewusste Abfolge, die man wieder und wieder durchläuft.


1. Achtsamkeit

Der erste Schritt ist schlicht und ergreifend die Wahrnehmung: Was erlebe ich gerade, in diesem Moment? Nicht interpretiert, nicht bewertet – nur beobachtet. Was banal klingt, ist es nicht, denn Hand aufs Herz: Bist nicht auch du einen Großteil damit beschäftigt, entweder über Vergangenes nachzudenken oder dir Gedanken über Zukünftiges zu machen?! Im Jetzt anzukommen, kann dann eine echte Challenge sein.


2. Akzeptanz

An dieser Stelle kommt die Radikale Akzeptanz ins Spiel. Es bedeutet: In seiner Totalität in Kauf zu nehmen, dass da etwas höchst Unangenehmes da ist. Ob nun Ärger, ob Erschöpfung oder auch das Gefühl, nicht zu wissen, was man eigentlich will. Annehmen bedeutet dabei nicht, dies gutzuheißen. Es heißt vielmehr: Man hört damit auf, unnötige Energie in seinen Widerstand zu stecken.


3. Kognitive Defusion

Mit kognitiver Defusion ist gemeint, dass wir begreifen, dass ein Gedanke nicht automatisch wahr ist. Dies ist zugleich einer der kraftvollsten Schritte von ACT. Viele von uns tragen Überzeugungen mit sich herum wie z.B. "Ich darf niemanden enttäuschen" oder "Wenn ich 'Nein' sage, verliere ich die Beziehung" und erleben diese Gedanken wie in Stein gemeißelte Regeln. Fachlich nennt sich das kognitive Fusion. Defusion bedeutet, einen Schritt zurückzutreten und zu sagen: Ich bemerke, dass ich gerade den Gedanken habe, dass… Das verändert das Verhältnis zum Gedanken, und er verliert seine absolute Macht.


4. Der innere Beobachter

ACT arbeitet mit der Vorstellung eines beobachtenden Selbst – einer Perspektive in uns, die Gedanken und Gefühle wahrnehmen kann, ohne mit ihnen identisch zu sein. Dahinter verbirgt sich ein kraftvolles psychologisches Werkzeug, denn wer beobachtet, ist nicht gefangen.


5. Werteklärung

Hier stellen wir uns diese Frage: Was ist mir wirklich wichtig? Nicht was ich sollte, nicht was andere von mir erwarten. Sonder: Was zählt für mich selbst, wenn ich absolut ehrlich zu mir selbst bin? Dabei sind Werte in ACT kein Ziel, das man erreicht, sondern eine Richtung, an der man sich orientiert. Und manchmal wird erst durch die Arbeit mit ACT klar, wie wenig das eigene Leben bisher mit diesen Werten übereinstimmt.


6. Engagiertes Handeln

Der sechste Schritt ist der Übergang vom Bewusstsein zur Bewegung: Jetzt, wo ich weiß, was ich fühle, was ich denke und was mir wichtig ist – was tue ich? Nicht als Selbstoptimierungsprogramm, sondern als bewusste Entscheidung.


Und was hat das alles mit People Pleasing zu tun?

Ehrlich?

Sehr viel.

Eigentlich alles.


People Pleasing ist - genau betrachtet - eine Form der Erlebnisvermeidung.

Wir richten unser Verhalten nach vermeintlichen Erwartungen anderer aus, weil wir das unangenehme Gefühl vermeiden wollen, das entstehen könnte, wenn wir es nicht täten. Ablehnung. Enttäuschung. Konflikt - all diese Gefühle sollen nicht aufkommen – also passen wir uns an, bevor sie entstehen können.


Das Problem: Wir machen das so automatisch, dass wir uns irgendwann gar nicht mehr fragen, was wir eigentlich selbst wollen. Wir haben uns trainiert, sehr schnell zu spüren, was andere brauchen. Dabei ist es gleichzeitig passiert, dass wir nur noch sehr langsam spüren, was wir selbst brauchen.


Radikale Akzeptanz ist hier der Gegenentwurf. Nicht im Sinne von Ich akzeptiere, dass ich so bin – sondern im Sinne von: Ah, da ist er wieder, mein innerer People Pleaser. Ich sehe dich. Und jetzt entscheide ich bewusst, was ich als nächstes tue.


Das ist ein erstes Aufbrechen der starren Muster und sorgt mit der Zeit für mehr Klarheit über die eigenen Bedürfnisse, Werte und konkreten Entwicklungsrichtungen.


Was du mitnehmen kannst

Wenn du merkst, dass du viel Energie damit verbringst, bestimmte Gefühle nicht zu fühlen – dass du häufig vermeidest, absagst, dich anpasst, um etwas Unangenehmes nicht aufkommen zu lassen – dann ist das kein Versagen. Das ist ein erlerntes Muster. Und Muster lassen sich verändern.


Es kann helfen, genauer hinzuschauen: Was versuche ich gerade zu vermeiden? Was würde ich tun, wenn ich wüsste, dass das Unbehagen kommen und trotzdem wieder gehen wird?


Wenn du merkst, dass dich das Konzept der Radikalen Akzeptanz interessiert, dann schreib mir gerne: info@verena-stahl.ch. Ich begleite dich im Coaching dabei, wieder zum Kern deiner echten Wünsche und Bedürfnisse vorzudringen und diese zu realisieren.


Im People-Pleasing-adé-Newsletter bekommst du zusätzlich kurze Audio-Impulse und Denkmodelle für Selbstführung mit Klarheit und Sanftmut.

Es geht nicht darum, perfekt zu funktionieren. Es geht darum, von innen nach außen stimmig zu handeln.


Herzlichst, Verena Stahl


Häufig gestellte Fragen


Was bedeutet Radikale Akzeptanz genau?

Radikale Akzeptanz bedeutet, eine Situation oder ein Gefühl vollständig anzuerkennen – nicht im Sinne von "Das ist gut so", sondern im Sinne von "So ist es gerade." Es geht darum, den inneren Widerstand aufzugeben, nicht die Situation selbst. Dieser Schritt reduziert den emotionalen Leidensdruck erheblich.


Ist Radikale Akzeptanz dasselbe wie Aufgeben oder Resignation?

Nein – das ist das häufigste Missverständnis. Resignation bedeutet, die Kontrolle abzugeben und nichts mehr zu tun. Radikale Akzeptanz bedeutet das Gegenteil: Erst wenn ich aufgehört habe, gegen das anzukämpfen, was ist, werde ich handlungsfähig. Ich kann keine guten Entscheidungen treffen, solange ich meine Energie ins Verdrängen stecke.


Was ist der Unterschied zwischen ACT und klassischer kognitiver Verhaltenstherapie?

Klassische KVT zielt darauf ab, negative Gedanken zu identifizieren und zu verändern. ACT verfolgt einen anderen Ansatz: Nicht der Gedankeninhalt wird bearbeitet, sondern die Beziehung zum Gedanken. Statt Den Gedanken muss ich loswerden lautet die Haltung in ACT: Ich bemerke, dass ich diesen Gedanken habe – er bestimmt nicht zwingend mein Handeln. Das nennt sich kognitive Defusion.


Für wen ist ACT geeignet?

ACT wurde ursprünglich therapeutisch entwickelt, wird aber heute auch in Coaching-Kontexten, in der Prävention und im Selbstcoaching eingesetzt. Forschung zeigt, dass der Ansatz für viele unterschiedliche Themen wirksam ist – von Angststörungen bis hin zu chronischem Stress und Burnout-Prävention. Besonders hilfreich ist ACT für Menschen, die merken, dass sie viel Energie ins Vermeiden stecken.


Was hat ACT mit People Pleasing zu tun?

People Pleasing ist im Kern eine Form der Erlebnisvermeidung: Wir passen uns an, um unangenehme Gefühle wie Ablehnung oder Konflikte nicht erleben zu müssen. ACT hilft dabei, dieses Muster zu erkennen, die dahinterliegenden Gedanken zu "defusionieren" und bewusste Entscheidungen zu treffen – statt automatisch zu reagieren.


Quellen:

Systematische Übersichtsarbeit zu ACT: Annals of Neurosciences, Dezember 2024 – https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11653371/


 
 
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